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Freitag, 3. Oktober 2014

Weihbischof Weider: Für das Lebensrecht eintreten!

Am 3. Oktober 2014 trafen sich ca. 300 Christen zu einer ökumenischen Dankandacht für 24 Jahre deutsche Einheit vor der Versöhnungskapelle in der Bernauer Straße. Die Predigt hielt Weihbischof Wolfgang Weider vom Erzbistum Berlin. Er erzählte, wie er vor 51 Jahren als junger Priester eine befristete Genehmigung von der Ost-Berliner Polizei brauchte, um Gemeindemitglieder in der Bernauer Straße direkt an der Grenze  besuchen zu dürfen.

Dort hatte er sich mit seinem nach West-Berlin geflüchteten Bruder verabredet, der ihn von der Westseite her anschaute. Winken war verboten, denn sonst hätte man sich verdächtig gemacht. Die Brüder schauten sich nur eine Weile an und dem jungen Priester Weider wurde dabei bewusst, dass dämonische Mächte eine Stadt, ein ganzes Land auseinandergerissen hatten. So erlebte er die Ohnmacht derer, die nicht zusammenkommen konnten, obwohl sie zusammengehörten. Solche Mächte - sagte der Weihbischof - seien auch heute noch am Wirken in der Ukraine, in Syrien, im Irak, in Palästina.

Er habe sich zwar oft gefragt, ob die Mauer einmal fallen würde, habe es aber nicht mehr geglaubt, dass er es erleben werde. Es schien in unendlicher Ferne und plötzlich war sie über Nacht weg ohne Blutvergießen. Der 9. November 1989 zeigte, wie sich der Traum eines ganzen Volkes erfüllte: "Wir fielen uns in die Arme und spürten, dass wir trotz der langen Trennung Brüder und Schwestern waren."

Wir haben uns in den vergangenen Jahren an dieses große Geschenk gewöhnt, betonte der Weihbischof, als sei dies etwas Selbstverständliches, aber es sei alles andere als selbstverständlich: "Wir müssen uns immer wieder an die gütige Hand Gottes erinnern, der uns herausgerissen hat aus aller Ausweglosigkeit und Verzweiflung, in die uns die Diktatur der roten Machthaber geführt hatte." Und deshalb würden wir heute über die Grenzen hinweg als die Kinder des einen Vaters zusammenkommen, dem wir das Wunder zu verdanken hätten. Wir haben zu danken, zu feiern und zu beten, denn wir seien beschenkt mit der Freiheit und geborgen in der Hand Gottes, dessen Allmacht wir erlebt hätten.

Missbrauch der Freiheit

Diese Freiheit könne aber auch missbraucht werden. Der Weihbischof verwies auf den "Marsch für das Leben", der hier vor kurzem durch Berlin geführt hatte. Auch ungeborene Kinder, von denen 100.000 in einem Jahr durch Abtreibung getötet würden, besäßen schon eine menschliche Würde. Deshalb hätte sich Papst Franziskus in einem eigenen Schreiben mit den Teilnehmern dieses Marsches solidarisch erklärt. Der Marsch hätte aber auch hasserfüllte Gegendemonstranten gefunden, die "erstaunliche Unterstützer selbst in den höchsten Kreisen der etablierten Parteien fanden". Diese "fanatisierten Verfechter für das Recht auf Tötung ungeborener Kinder haben sich zu massiven Beschädigungen der Kirchenfassade und des Pfarrsaals der Herz-Jesu-Pfarrei in Berlin-Mitte hinreißen lassen, wo der Bundesverband Lebensrecht seinen Sitz hat". Für diesen Missbrauch habe uns Gott die Freiheit nicht geschenkt!

Der Dank für die wiedererlangte Freiheit nach der Wende - betonte Weihbischof Weider - wäre unglaubwürdig, wenn wir nicht "mit aller Entschiedenheit für das Lebensrecht der noch nicht Geborenen und der noch nicht Gestorbenen" einträten.

Die Hand Gottes festhalten

Der "Tag der Deutschen Einheit" - so der Weihbischof - sei aber auch ein frohes Fest, weil er uns die Augen für den Reichtum der jeweils anderen Seite geöffnet habe. Wir müssten uns gegenseitig respektieren, aber auch korrigieren, Beziehungen pflegen und weiter gut zusammenwachsen. Wir seien behütet von Gottes guter Hand. Das verpflichte uns, diese Hand nicht mehr loszulassen und uns immer neu an ihm zu orientieren. Nur so bleiben wir in den Bedrohungen dieser Welt, die auch wieder über unsere Stadt kommen könnten, geborgen. 

Wir sollten uns gegenseitig mit Respekt begegnen: über alle Konfessionen und Religionen hinweg! Heute suchen Flüchtlinge aus den Krisenregionen der Welt auch in unserer Stadt eine neue Heimat. Sie brauchen materielle und menschliche Hilfe, um überleben zu können: "Wir dürfen sie nicht abweisen!" 

Schließlich sei uns Christen auch aufgetragen, die "Familien als kostbarsten und bewährten Hort der Geborgenheit" zu bewahren - gegen alle bedrängenden Einflüsse unserer Zeit, die die vorrangige Bedeutung von Mann und Frau, von Vater und Mutter relativieren möchte. Wir müssten unsere Verantwortung wahrnehmen, die christlichen Grundwerte unserer Gesellschaft zu retten, um das Glück unseres ganzen Volkes zu erhalten.

Gerhard Lenz

Wir haben Gott für das Wunder der Einheit gedankt und für die vom Krieg zerrissene Ukraine und die verfolgten Christen und Minderheiten im Irak und Syrien gebetet.