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Sonntag, 5. November 2017

Abtreibungsgegner immer radikaler?

Meine Frau war heute Morgen beim Lesen eines Artikels in der WELT AM SONNTAG so aufgebracht, dass sie einen Leserbrief an die Redaktion schrieb. Hier ihr Beitrag:
In dem Artikel Bannmeile für Abtreibungsgegner vom 5.11.2017 wird davon berichtet, dass der Protest der Abtreibungsgegner in London immer radikaler würde. Belegt wurde diese „Radikalität“ damit, dass die Demonstranten beten würden und Rosenkränze sowie Flugblätter bereit hielten. Im Beten und Bereithalten kann ich keine Radikalität erkennen, obwohl ich mir durchaus vorstellen kann, dass werdende Mütter, die sich die Entscheidung zur Abtreibung sicher nicht leicht gemacht haben, nicht sehen oder hören möchten, dass eine Abtreibung eine Tötung ihres ungeborenen Kindes ist.
Im Artikel wird dann Bezug genommen auf den "Marsch für das Leben" in Berlin, bei dem der Protest der Abtreibungsgegner weitaus „gemäßigter“ verlaufen sei. Die Autorin schränkt allerdings ein, das der „Marsch für das Leben“ unter großem Polizeiaufgebot und heftigem Protest von „Pro Choice“ stattfand. Das suggeriert, dass dieses massive Polizeiaufgebot wegen der „immer radikaler werdenden Abtreibungsgegner“ nötig gewesen sei.
Foto: Gerhard Lenz
Marsch für das Leben in Berlin
Mehrmals habe ich an diesem Marsch teilgenommen und weiß daher, dass Ihre Formulierung die Tatsachen auf den Kopf stellt:
1. ist der Marsch ein friedlicher Schweigemarsch.
2. Wir demonstrieren für das Recht auf Leben vom Moment der Zeugung bis zum Tod, also für die Rechte der Schwächsten der Gesellschaft, für Ungeborene, Menschen mit Behinderungen und alte, kranke, sterbende Menschen.
3. Wir tragen Schilder mit Aufschriften wie: „Jedes Kind will leben“, „Keine Tötung auf Verlangen“, „Ja zum Leben - für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“, „Die Schwächsten schützen“, „Jeder Mensch ist gleich wertvoll“…
4. Menschen mit Handicap erzählen von ihrer Freude am Leben.
Einen solchen Marsch müsste außer der Verkehrspolizei niemand begleiten.Trotzdem sind unzählige Mannschaftswagen mit mehr als tausend Polizisten über Stunden damit beschäftigt, Ausschreitungen zu verhindern. Warum?
1. Die Gegendemonstranten bewerfen die Demonstranten mit Farbpulverbeuteln und Kondomen.
2. Sie entreißen und zerbrechen zum Teil die mitgeführten Kreuze und zerstören sie.
3. Sie schreien unentwegt beleidigende Sätze, die nicht nur gegen die Christen und ihre religiösen Gefühle, sondern auch gegen den Staat gerichtet sind.
4. Mit Sitzblockaden versuchen sie, das Demonstrationsrecht auszuhebeln.
5. Sie klettern auf Laternen und spielen mit der Polizei „Katze und Maus“.
6. Seit einigen Jahren führen sie eine überlebensgroße Figur der Mutter Jesu mit, deren Rock sich hebt, damit man sie onanieren sieht. In den Medien habe ich davon noch nichts gelesen!
Dass Beleidigungen und das Verächtlichmachen religiöser Inhalte oder Personen, besonders, wenn es sich „nur“ um christliche handelt, nicht in der Presse erwähnt werden, wird wohl mit Toleranz begründet. Dass am Ende aber noch die, die sich friedlich für das Menschenrecht auf Leben einsetzen, die sich beleidigen lassen, ohne sich zu wehren, durch nachlässig recherchierende Journalisten zu Radikalen gemacht werden, daran kann und will ich mich nicht gewöhnen.
Der Artikel endet damit, dass eine sogenannte Grundsatzfrage gestellt wird: „Welches Gut wiegt in einer Gesellschaft höher? Das der freien Meinungsäußerung oder das der unbehelligten Entscheidungsfreiheit.“
Meiner Ansicht nach gibt es eine viel treffendere Grundsatzfrage: „Was ist uns als Gesellschaft wichtiger: Das Recht auf unbehelligte Entscheidungsfreiheit der Mutter („Mein Bauch gehört mir!“) oder das Recht auf Leben für das hilflose Ungeborene, verbunden mit der größtmöglichen Hilfe.“
Wenn Staat und Gesellschaft sich kompromisslos auf die Seite des Lebens stellen und den Wert des Lebens verteidigen würden, wären diese Demonstrationen nicht nötig. Wir sollten uns gemeinsam anstrengen, werdenden Müttern alle Hilfe zukommen zu lassen, statt sie darin zu bestärken, dass es ihr gutes Recht sei abzutreiben.
Birgitta Lenz
Frau Lenz ist Religionslehrerin in Berlin, hat vier Kinder und acht Enkel

Montag, 4. September 2017

Endlich Zeit für Gott?

Heute war er endlich da: der erste Tag meines endgültigen Ruhestands. Viele arbeiten auf diesen Tag ihr ganzes Leben hin und träumen, was sie dann alles machen werden: reisen, lesen, Sport, ein Jodeldiplom und, und, und…
Doch manchmal ist es gar nicht so toll, wenn man endlich das Rentenalter erreicht hat. Manch einer hat gesundheitliche oder finanzielle Probleme, den Ehepartner verloren oder spürt plötzlich eine große innere Leere, wenn das Berufsleben wegfällt, das den Tag bestimmt und einen erfüllt hat.
Ich muss immer an den Mann einer Nachbarin denken: Er war beruflich bei einem Herrenausstatter tätig und verkraftete seinen Ruhestand nicht. Er stand morgens nicht mehr auf, zog sich nicht mehr an, seine Frau konnte ihn nicht aktivieren. Nach nur vier Monaten als Rentner starb er eines natürlichen Todes.
Auch bei mir beginnt nun ein Lebensabschnitt mit fast unbegrenzter Freizeit. Zum Glück konnte ich als Lehrer in den Ferien stets fleißig für meinen späteren Ruhestand „üben“. Langweilig wurde mir dabei nie. Ich hatte ja auch immer meine Frau an meiner Seite und das Leben mit vier Töchtern und jetzt acht Enkeln bot genug Abwechslung.
Leider muss meine Frau aber noch einige Jahre arbeiten und verlässt morgens das Haus. Was tun? Zum Glück hat sie immer einige Aufträge für mich und ich kann sie so ein wenig entlasten. Wenn man älter wird, lädt sich der Akku nicht mehr so schnell auf und man braucht längere Erholungsphasen.
Keine Zeit für Gott

Was in meinem aktiven Leben aber immer zu kurz kam, war die Zeit für Gott, obwohl ich oft auf Wallfahrten oder Einkehrtagen erfahren durfte, wie wohltuend es war, sich in der stillen Zeit für das Gespräch mit ihm zu öffnen. Kaum war man wieder zu Hause und der Alltag hatte einen im Griff, gab es nur noch wenige Nischen, in denen man sich Zeit für das Gebet nahm. Manchmal hatte ich auch einfach keine Lust dazu.
Ich hatte mir deshalb angewöhnt, jeden Morgen im Auto auf dem Weg zur Schule den Rosenkranz zu beten. Und immer wieder durfte ich erleben, dass sich das segensreich auf meine Arbeit auswirkte, auch wenn ich oft ganz zerstreut betete oder mit meinen Gedanken schon bei den Schülern und ihren Problemen war.
Ein Psalmvers soll jetzt die Richtung meines Tagesablaufs bestimmen: „Herr, schon früh am Morgen hörst du mein Rufen. In aller Frühe bringe ich meine Bitten vor dich und warte sehnsüchtig auf deine Antwort“ (Psalm 5:4 HFA). Das habe ich heute schon mal probiert und bin mit der Laudes aus dem Stundengebet der Kirche gestartet (gibt es als App fürs Smartphone). Da ist immer genug Zeit, auch ganz persönlich für Anliegen und Menschen zu beten, die einem besonders am Herzen liegen.
Es folgte der Rosenkranz - ein Gebet, in dem mit Maria das Leben Jesu betrachtet wird. Hinweis an die evangelischen Geschwister: Nein, wir beten Maria nicht an. Die Betrachtung des Lebens Jesu steht im Mittelpunkt. Richtig verstandene Marienverehrung führt immer zu Jesus: Da sagte seine Mutter zu den Dienern: »Was immer er euch befiehlt, das tut!« (Johannes 2:5 HFA).
Was das Ganze bringt? Wie nach einem guten sportlichen Training fühlt man sich gestärkt für die Herausforderungen des Tages, gewinnt Lebensmut und Hoffnung. Jetzt muss ich nur noch am Ball bleiben, denn ganz ohne Selbstdisziplin geht es nicht. Auch für einen Ruheständler bietet das Leben genug Ablenkungen, um Zeit zu verplempern...

Lesen Sie auch: Ich habe keine Zeit - Erfahrungen mit dem Stundengebet

Samstag, 15. April 2017

Berliner Karfreitagsprozession 2017

Diesmal mit muslimischer Beteiligung
In diesem Jahr nahmen meine Frau und ich wieder einmal an der ökumenischen Karfreitagsprozession in Berlin-Mitte teil. Dies sei eine geistliche Übung – so hieß es in dem Handzettel - Leid auszuhalten und sich dem Schmerz zu stellen. In sieben Stationen betrachteten wir bei diesem Schweigemarsch die Passion Jesu Christi und gedachten der Opfer linker, rechter und islamistischer Gewalt. Auch die Muslimin Seyran Ates, die durch ihren Einsatz für Menschenrechte und gegen religiöse Gewalt bekannt ist, war dabei.
Am Berliner Dom erinnerte uns Pfarrer Nikolaus Schneider an das Schicksal der 15-jährigen  Nigerianerin Aisha Moussa, die im Februar vergangenen Jahres von der islamistischen Terrormiliz Boko Haram in ein Lager im Sambisa-Wald verschleppt worden war und ein unvorstellbares Martyrium erleiden musste, bis ihr die Flucht gelang: „Ich wurde bis zur Taille eingegraben. So wollte man mich zwingen, zum Islam überzutreten“, erinnert sich Aisha. Nach knapp drei Wochen Tortur gab sie den Widerstand auf. Sie widerrief ihren christlichen Glauben und wurde mit einem der Fundamentalisten zwangsverheiratet – einem Mann, den sie auf Anfang 30 schätzt.
Tagsüber musste sie wie viele andere Mädchen im Lager arbeiten, doch am meisten fürchtete sie sich, wenn der Ehemann abends zurückkam, denn das bedeutete Misshandlung und Vergewaltigung bei vorgehaltenem Revolver. Nach Angaben der Vereinten Nationen sollen in Nigeria bis zu 7000 Mädchen und Frauen in Gefangenschaft der Terroristen leben: „Sie werden zwangsverheiratet, als Sexsklavinnen gehalten, müssen Waffen transportieren oder werden zu Selbstmordattentaten gezwungen.“ Aisha ist eine der wenigen Mädchen, der die Flucht gelang.
Kim – gefangen in Nordkorea
An der Neuen Wache, einer Erinnerungsstätte für alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, konfrontierte uns Kyoung-Sun Kang von der koreanischen Gemeinde mit der Christenverfolgung in Nordkorea, wo ein unmenschliches Regime Menschen brutal unterdrückt. Die Journalistin Antje Schippmann schilderte das Leben und die Haftbedingungen von Kim Yong Sook, die vor 17 Jahren aus Nordkorea fliehen konnte. Mit 16 Jahren erlebte sie, dass ihr Vater und ihr Großvater abgeholt wurden, weil ihre christliche Gruppe aufgeflogen war. Die Familie wurde zwangsdeportiert, lebte in ärmlichsten Verhältnissen und litt unter der Hungerkatastrophe in den 90iger Jahren, als die staatlichen Essensrationen eingestellt wurden.
1997 wagte sie mit ihrer Familie einen Fluchtversuch, wurde jedoch gefasst und eingesperrt: „In einer kleinen Zelle musste sie mit 30 Frauen leben, ihre Strafe: Sitzen. Von morgens 5.30 Uhr bis abends 23 Uhr mussten die Frauen auf engstem Raum im Schneidersitz ausharren, durften nicht reden, sich nicht bewegen. Noch heute kann Sook ihre Beine nicht lange ausstrecken, sie werden dann taub. Zum Schlafen lagen die Frauen aufeinander, ineinander verhakt, es wäre vielleicht Platz für sechs Menschen gewesen, aber nicht für 30, erinnert sie sich.“
Heute lebt Kim Yong Sook in Südkorea, träumt jede Nacht von ihrer Heimat, wünscht sich die Rückkehr in ein befreites Nordkorea, fühlt sich aber von der Politik im Stich gelassen.
Opfer des Nationalsozialismus und des kommunistischen Terrors
Weiter ging es zur katholischen St.Hedwigs-Kathedrale, der katholischen Bischofskirche von Berlin. In ihrer Krypta wird der vielen Glaubenszeugen Berlins gedacht. Der von den Nationalsozialisten ermordete Domprobst Bernhard Lichtenberg ist hier beerdigt. Doch auch der Opfer linken Terrors werde hier gedacht, sagte Erzbischof Dr. Heiner Koch. Er nannte hier stellvertretend Petro Werhun, den Seelsorger der ukrainischen Katholiken in Berlin ab 1927. Er blieb hier trotz der Schikanen durch die Nazis, wurde dann aber vom 1945 vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt, die er in einem Straflager am Baikalsee verbüßte. Danach wurde er nach Sibirien verbannt, wo er am 7. Februar 1957 entkräftet starb.
Die Glaubenszeugen Berlins starben, so Erzbischof Koch, weil sie sich in letzter Konsequenz unter das Kreuz Christi stellten: „Das ist es, was wir heute zeichenhaft und hoffentlich auch mit unserem Leben tun: Wir heben das Kreuz empor, tragen es durch unsere Straßen und folgen ihm nach. Wir tun es voller Liebe und voller Hoffnung, dass das Kreuz uns den Weg zeigt, der vom Tod zum Leben führt.“
Malala Yousafza – Opfer der Taliban
Danach führte die Prozession zum Reiterstandbild Friedrich II., der durch seine liberale Religionspolitik bekannt ist. Seyran Ates, Initiatorin einer liberalen Moschee in Berlin, sprach hier über Malala Yousafza, die mit 11 Jahren einen Blog im Internet begonnen hatte, in dem sie über Missstände in ihrem Land Pakistan und die Gräueltaten der Taliban berichtete. Auch weil sie als Klassenbeste für die Bildung von Mädchen kämpfte, wurde sie zu einer Gefahr für die islamistischen Terrorkämpfer. Am 9. Oktober 2012 bestieg ein Taliban ihren Schulbus und schoss in die Menge der Kinder. Sein Hauptziel war die jetzt 15-jährige Malala. Aus nächster Nähe schoss er ihr in den Kopf.
Britische Ärzte konnten ihr Leben durch viele Operationen retten. 2014 wurde ihr der Friedensnobelpreis verliehen. Dennoch kann sie nicht in ihre Heimat zurück, da ihr dort immer noch viele nach dem Leben trachten. Von der UN wurde sie in der letzten Woche zu einer Friedensbotschafterin erklärt.
Weder ihr politisches Engagement noch ihr Glaube an Gott konnte von den religiösen Fanatikern gebrochen werden. In ihrer Biographie schrieb sie: „Wie groß ist Gott! Er hat uns Augen geschenkt, um die Schönheit der Welt zu sehen! Hände, um sie zu berühren; eine Nase, um ihren Duft zu riechen und ein Herz, um für all das dankbar zu sein!“ 
Von links n. r.: Seyran Ates (mit Mikrofon), Bertold Höcker, Bischof Dröge, Erzbischof Koch.
Weiter ging es zur Friedrichstraße, wo unserer jüdischen Mitbürger gedacht wurde, die Opfer des Holocaust wurden. Pfarrer Schneider las hier einen Text von Heinz Galinski vor, dessen Mutter und Ehefrau in Auschwitz ermordet wurden, der aber von britischen Truppen Mitte April 1945 aus dem KZ Bergen-Belsen befreit wurde.
Terror gegen koptische Christen in Ägypten
Die Prozession endete am Französischen Dom, der im 18. Jahrhundert für Flüchtlinge aus Frankreich erbaut wurde, die in Preußen eine neue Heimat fanden. Hier gedachte Pfarrer Emmanuel Sfiatkos der Terroranschläge gegen die Kopten in Ägypten. Am letzten Sonntag kamen dabei 49 Christen ums Leben. Auch der Vater eines dreijährigen Kindes, der sein Martyrium schon vorausgeahnt hatte. Es war nicht der erste Anschlag dieser Art.
Erst am 11. Dezember 2016 waren in Kairo 23 Christen in einer Kirche getötet worden, als sich ein Selbstmordattentäter während des Gottesdienstes in die Luft sprengte. Trotz jahrhundertelanger Verfolgung hätten orthodoxe Christen immer wieder Brücken der Verständigung gebaut und sie auch mutig beschritten. Trotzdem würden sie heute aus ihren Heimatländern systematisch vertrieben.
Er schloss mit den Worten: „Wir hoffen und erbitten für alle Menschen in diesem Land ein Licht der Hoffnung. Dieses Licht erleben wir in der Erfahrung der Auferstehung unseres Herrn. Wir Orthodoxen beschreiben unser Leben als eine Kreuzauferstehungserfahrung. Möge Gott uns allen Kraft geben, unser Kreuz voller Mut auf unsere Schultern zu heben und der Welt die frohe Botschaft zu verkünden: Der Herr ist von den Toten auferstanden. Er hat den Tod durch den Tod zertreten und denen in den Gräbern das Leben geschenkt.“
Lesen Sie auch: Es gab so viele Judasse (Prozession durch das historische Berlin)
Schlusssegen am Gendarmenmarkt. Schade, dass die Prozession nur einige Hundert Teilnehmer hatte.